WETTINGEN Der Organist Stefan Müller spielt Bach-Werke auf der Hauptorgel der Klosterkirche.
Wettingens barocke Klosteranlage
ist ein Juwel.
Dass die Kirche erst recht
ein Solitär ist, verdankt sich
auch ihren Orgeln: Eine von
ihnen steht nun im Zentrum
einer neuen CD.
Welch vielfältiges Instrument
gerade die 1996 von
der Kleindöttinger Orgelbaufirma
Armin Hauser erbaute
Hauptorgel ist, ist auf
Stefan Müllers neuer CD zu
hören. Der junge Musiker erprobt
das Instrument mit einem
reinen Bach-Programm.
Kaum jemand könnte dazu
berufener sein als er, denn
Stefan Müller wirkt an der
Kantonsschule Wettingen
als Klavier- und Orgellehrer.
Mithin kennt er das Hauser-
Instrument sowie seine Charakteristiken
wie u. a. zart
ansprechende Flöten- und
farbige Zungenregister
durch und durch. Sie und dazu
noch ein Pedal, das selbst
im Plenum exzellent «zeichnet
», scheinen wie geschaffen
für eine virtuose Manifestitation.
Allein, Müller
geht den umgekehrten Weg.
Verinnerlichung ist das, was
er u. a. mit der partiell strahlenden
Fantasia super
«Komm Heiliger Geist» (BWV
651), kanonischen Veränderungen
über das Weihnachtslied
«Vom Himmel
hoch, da komm ich her»
(BWV 769) sowie der Fantasia
c (BWV 537) anstrebt.
RUNDUM ÜBERZEUGEND
Einnehmend, wie delikat
ihm dabei die verhaltenen
Sätze gelingen, die unter
seinen Händen zugleich
eine Farbigkeit erhalten, die
dem Instrument alle Ehre
macht. Zum überzeugenden
Eindruck trägt Müllers Favorisierung
gemessener Tempi
bei, welche so die grossartige
Musik atmen lässt. Kommt
hinzu, dass der Orgelklang
famos eingefangen ist: Die
Tontechnik hat hier ganze
Arbeit geleistet.
Das wird vorab beim
Höhepunkt, der Bearbeitung
von Bachs Chaconne aus der
Violinpartita BWV 1004 hörbar.
Müller stützt sich dabei
auf Walter Börners Transkription.
Dieser hatte das
Werk übrigens nach a-Moll
transkribiert, um so dem Orgelpedal
gerecht(er) zu werden.
Gespannt wählt man
Track 9 an und ist überrascht
– weil Müller erneut
nicht dem folgt, was man
von einer Chaconne-Interpretation
auch erwartet: die
Demonstration blendenden
technischen Könnens.
Um Missverständnissen
vorzubeugen: Ebensolches
besitzt Müller in reichem
Mass. Aber es ist nicht das,
was er primär zeigen möchte.
Lieber ist ihm die respektvolle
Annäherung an Bachs
Chaconne-Kosmos. Konkret:
Er verfolgt die vielgestaltigen
musikalischen Verläufe
zwar mit Genuss, lässt sich
von ihnen jedoch nicht vereinnahmen.
Selbst wenn
Müller, im Vergleich zum
Vorgängigen, das Instrument
gegen das Ende auf einem
nicht enden wollenden
Ton bravourös ausklingen
lässt, obsiegt nicht der Effekt.
Dafür erneut jene gestaltende
Kraft, die mühelos
auf motivische Eigenheiten
zu lenken versteht.
[ELISABETH FELLER]
CD-Kritik
Wolfgang Rothfahl
Junge Interpreten mit perfekter Technik, auch Aufnahmetechnik, sind gefährdet, rasch gemachte CDs auf den Markt zu bringen. Von Stefan Müllers Bach-Interpretation an der Wettinger Klosterorgel muss man das Gegenteil vermerken. Es handelt sich um eine ungewöhnlich reife künstlerische Leistung. Müller präsentiert ein Programm ein wenig abseits der vielgespielten Werke. Es geht ihm offensichtlich auch darum, die Hauser-Orgel von 1996 so farbig wie möglich zu Gehör zu bringen. Und das gelingt ihm. Das Booklet begründet zum Teil die Registerwahl und macht das Hören der CD zu einem Besuch auf der Orgelempore.
Müller wählt ruhige Tempi, die den ganzen Reichtum von artikulatorischer Gestaltung der Themen und Motive hörbar werden lassen. Auffallend ist die souveräne Formbeherrschung, die jedes Stück zu einem Ganzen werden lässt.
Nach dem majestätischen Beginn mit der Fantasia „Komm Heiliger Geist’ BWV 651 gibt das zweite Stück zu diskutieren. Wenn die C-moll-Fantasie BWV 537 so langsam gespielt wird (MM ca. 50 auf die Viertel), ist der Takt nicht mehr als Einheit nachzuvollziehen; Bach hätte dann wohl einen ?-Takt geschrieben. Auch wirkt der dynamische Gegensatz zur Fuge sehr gross. Müller bemerkt im gescheit geschriebenen Booklet, wie Fantasie und Fuge zusammengehören. Das könnte hörbarer werden.
Auf eine faszinierende Darbietung der kanonischen Veränderungen über „Vom Himmel hoch, da komm ich her’ folgt eine Seltenheit: die von Müller revidierte Orgelfassung der Geigen-Chaconne aus BWV 1004 von Walter Börner. Dieses mehrstimmige und polyphone Wunderwerk besticht natürlich vor allem, wenn es einer Solo-Violine entlockt wird, wo sich dann Arpeggien und inegale Tempi von selber einstellen, um Unspielbares spielbar zu machen. Die unerschöpflichen Möglichkeiten einer Orgel sind fast zu perfekt und nehmen dem Stück etwas von seinem Wundercharakter.
Andererseits lassen klangliche Differenzierungen den formalen Aufbau der Chaconne sehr schön nachvollziehen.
Erwähnens-, nein rühmenswert ist die grafische Gestaltung des Booklets durch die Wettinger Gymnasiastin Stephanie Haensler.