Die Goldbergvariationen
Bis jetzt fast unbemerkt, lieferte das Gedenkjahr 2000 für Bachfreunde noch eine Überraschung: Die bekannten Goldberg-Variationen auf der Orgel gespielt.

Die Wahl eines zweimanualigen Cembalos, wofür das Werk eigentlich geschrieben ist, erscheint heutzutage nicht mehr als allgemein bindend. Nach der sogenannten Authentizitätswelle ist auch der moderne Flügel hin und wieder auf Bach-Einspielungen zu hören. Fränt etwa der junge Musiker Stefan Müller mit seiner Orgelwahl für ein Cembalowerk einer modischen Willkür? Keineswegs! Wer sich in ugt 52 Minuten die Goldberg-Variationen auf der Orgel der Stadtkirche Diessenhofen anhört, wird Zeuge einer klug und geschmackvoll ausgearbeiteten Darstellung der Aria mit ihren 32 Variationen.

Was man in den vielen Cembalodarbietungen oft vermisst, klingt bei Müller sogar wie ein Hauptanliegen: Eine wohltuende und verantwortungsvolle Berücksichtigung der von Bach verwendeten Taktarten und den ihnen inherenten Zeitmassen. Man wird auf natürliche Art davon überzeugt, dass sie alle ihr eigenes "tempo giusto" haben.

Da zusätzliche Angaben wie Allegro oder Presto (die Bach sehr wohl kannte!) fehlen in diesem Variationswerk, lässt Stefan Müller sich auch nicht zu solchen Geschwindigkeiten verleiten. Hingegen wird ein vereinzelt vorgeschriebenes Adagio (Nr.25 in g-moll) sehr schön hervorgehoben.

Naturgemäss hat eine Orgel eine reichere Registrierungsmöglichkeit als ein Cembalo. Stefan Müller macht davon einen passenden und abwechslungsreichen Gebrauch. So klingt in dieser Einspielung die Wiederholung der Aria nicht genau so wie am Anfang, sondern wie ein sanft tönender Widerhall nach den inzwischen erlebten Motiven und Gedanken.

Clemens-Christoph von Gleich Februar 2001