Melancholische Clavichordmusik
Melancholische Clavichordmusik von J. S. Bach

1 Ricercare a 3
2 kleines Praeludium in d, BWV 926
3 kleines Praeludium in d,BWV 940
4 Praeludium in f, WK II
5 Fuge in f, WK II
6 Praeludium in fis, WK II
7 Fuge in fis, WK II
8 Praeludium in g, WK II
9 Fuge in g, WK II
10 Invention in e
11 Sinfonie in g
12 Invention in f
13 Sinfonie in f

aus den Goldbergvariationen:
14 Variation 13
15 Variation 15, Quintkanon
16 Variation 21, Septkanon
17 Variation 25
18 Aria

Stefan Müller, Rheinau 2001
Instrumente: Scheer und Vogel, Jestetten

Die ursprünglich aus der griechischen Antike stammende Lehre von den vier Elementen entwickelte sich im Mittelalter und Barock zu einem umfassenden spekulativem System, welches die Wissenschaften und Künste miteinander verband, etwa die Astrologie mit der Metaphysik oder die Musik mit der Affektenlehre. Auf den Menschen angewandt ergaben sich die vier Temperamente Sanguiniker (Luft), Choleriker (Feuer), Phlegmatiker (Wasser), Melancholiker (Erde).
Die Eigenschaften der Temperamente wurden in moralischer Hinsicht gewertet, abhängig von Philosophie, Zeitgeist, Religion. So erführt die Melancholie beim grüblerischen Alchemisten des 17. Jahrhunderts eine andere Wertung als beim leistungsorientierten Calvinisten des 18. Jahrhunderts.
Nach Agrippa von Nettesheim sind die schlechten Seiten der Melancholie Traurigkeit, Ekel, Ängstlichkeit, Verstocktheit, Kälte, Lästerung, Verzweiflung, Lüge, Gespensterfurcht; die guten sind hohe Betrachtung, tiefe Einsicht, ernstes Urteil, strenges Nachdenken, Standhaftigkeit und unbeweglicher Vorsatz.
In J. S. Bachs Wohltemperierten Klavier geht es meiner Meinung nach nicht nur um die Temperierung des Tonsystems, sondern auch um die Temperierung der menschlichen Temperamente durch die Musik. Melancholische Figuren werden ausgeglichen durch Cholerische, Sanguinische durch Phlegmatische etc. So wirkt in der fis-Moll Fuge WK II das dritte Fugenthema belebend, sanguinisch und bringt Fluss in die Musik des statischen ersten Fugenthemas. Ziel ist der ausgeglichene Mensch, der die vier Temperamente in ihrer Eigenheit wohl erleben, sich aber nicht in ihrer Einseitigkeit verlieren soll.

Stefan Müller

Agrippa von Nettesheim: „Da Saturn überdies der Urheber der Betrachtung im Stillen, allen öffentlichen Angelegenheiten abgewandt und der höchste unter den Planeten ist: so ruft er die Seele nicht nur von äusseren Geschäften ins Innere zurück, sondern erhebt sie von den irdischen Dingen, indem er sie zu dem Höchsten emporzieht und ihr Wissenschaft und Voraussicht der Zukunft verleiht”
(Agrippa, die magischen Werke, 1510)

Marsilio Ficino „Ich weiss in diesen Zeiten sozusagen gar nicht, was ich will, vielleicht auch gar nicht, was ich weiss, und will, was ich nicht weiss. Die Sicherheit, die Dir die Güte Deines in den Fischen stehenden Jupiter gewährt, wird mir durch die Bösartigkeit meines im Löwen rückwärtsschreitenden Saturn verweigert”
(Briefwechsel Ficinos-Cavalcanti, 1495)

Marsilio Ficino „Notwendig ist es dem gelehrten, das das gemutte sich entziehe von den usserlichen dingen zu den innerlichen dingen: glicherweis als von dem zyrckel sich versammeln zu dem centrum und dar in verhafft werden, ist aller meyst eygenschafft des ertrichs, dem die schwartzgalle reytzt das gemuot des menschen, das es sich in eyn versammel und dar in beharre und all wegen contemplier. Und die selb schwartz gall, die da glich ist dem cenrto der welt, die neygt bezwinglich zu erforschen das centrum aller dinge und furet uns uber sich, umb zu begryffen die aller hochsten dinge, nemlich so sie gemeynschafft hat mit Saturno, dem aller hochsten planeten.”
(Ficino, Libri de vita tres, I, 4, Florenz 1489)


CD-Kritik Frank Agsteribbe
Playing Bach on a clavichord is not as unusual as one might think at first sight. Although the intimacy of the clavichord is not always appropriate to suit J. S. Bach's adventurous keyboard works, there are enough intimate and melancholic pieces amongst his vast oeuvre for keyboard to produce an interesting and coherent solo recital or recording. In many aspects, Stefan Müller's CD proofs to be a fine example of such a program which one would like to enjoy in an appropriate, intimate surrounding.
When performing rather complicated and delicate keyboard music of Bach on the clavichord, it is of an utmost importance that the instrument is of the best quality. On Stefan Müller's recording, we are spoiled by hearing 3 different clavichords from the Scheer-Vogel workshop in Jestetten. The 3 instruments sound rich and delicate at the same time, and have clearly inspired the performer. One could state that it is a real advantage that Stefan Müller has been trained both as pianist and organist: he combines the ability of adapting to different instruments (a typical and important skill for organists) and performing many colors and nuances on the keyboard (which one expects pianists to do). Therefore, he reveals the instruments' full expressive capacities. The clavichords are also nicely presented in the booklet: with photos and detailed description. It is only a pity that there is no mentioning of which composition has been played on which instrument.
Stefan Müller's concept of the recording is been touched on by the title of the CD: "Melancholische Clavichordmusik". It is certainly worthwhile to read his short introduction in the booklet where he states that melancholy historically has many more meanings than we seem to think nowadays: "Nach Agrippa von Nettesheim sind die schlechten Seiten der Melancholie 'Traurigkeit, Ekel, Ängstlichkeit, Verstocktheit, Kälte, Lästerung, Verzweiflung, Lüge und Gespensterfurcht'. Die guten sind 'hohe Betrachtung, tiefe Einsicht, ernstes Urteil, strenges Nachdenken, Standhaftigkeit und unbeweglicher Vorsatz'." Stefan Müller has put together a collection of pieces in which one can hear different aspects of melancholy: sadness in the 25th variation of the Goldberg Variations, or severity in the Ricercare a 3 from Das Musikalisches Opfer, and many more than that. Indeed, even within the scope of this one temperament, there is quite some variety in the repertoire which saves the CD from annoyance, a problem one could expect when a less original performer would put such a 'conceptual' program together. To conclude, I quote Stefan Müller once more: "Bei dieser Aufnahme habe ich nun versucht, [?] eines dieser Temperamente in den Vordergrund zu stellen, damit sich der Hörer ganz in den Ausdruck und die verschiedenen Wirkungen dieses Temperamentes, der Melancholie, vertiefen kann."

(Frank Agsteribbe is composer, harpsichordist, music theorist, teacher at the Royal Flemish Conservatory of Antwerp and artistic staff member of the Orpheus Institute in Ghent, Belgium)


Melancholische Clavichordmusik (Rezension von Rémi Laroche)
I must tell you that the Cd Melancholische Clavichormusik is one of the best clavichord recording I know: beautifull music, excellent performer and, last but not least, magnificent instruments.Overall, I am very fond of the Silbermann which seems to me the ideal instrument for polyphonic music in general, and for J.S. Bach in particular.I am very impatient to play it.Thank you very much for the great musical delight this record gives me.